Taichung, Taiwan, 73. Tag

7. September 2011
Der Wen Wu Tempel am Sonne-Mond-See
Der Wen Wu Tempel am Sonne-Mond-See

Der Wen Wu Tempel am Sonne-Mond-See

Am Morgen laufen wir in Taichung ein, einer Hafenstadt an der Westküste Taiwans mit 1 Million Einwohnern – die drittgrößte Stadt der Insel. Diese Stadt hat besonders viele Bildungseinrichtungen wie Universitäten. Früher war es besonders, studieren zu dürfen und die Studienplätze waren knapp. Daraufhin wurden viele Universitäten gebaut, während die Geburtenrate zurückging – und nun kann fast jeder studieren und es gibt sogar eher zu viele Studienplätze. Was die Wirtschaft betrifft, so war Taichung früher ein wichtiger Standort der Metallindustrie, speziell für die Verarbeitung von Gusseisen. Aber mit den steigenden Löhnen in Taiwan bekam die Industrie Probleme, niemand wollte mehr zum geringen Lohn arbeiten. Also verlagerten die Firmen ihre Produktion nach China.


Die derzeitige Regierung sei auch pro chinesisch eingestellt, was bei der taiwanesischen Bevölkerung aber gar nicht gut ankommt. So dürfen chinesische Touristen bisher nur in kontrollierten Gruppen einreisen, doch die Regierung will das Land für China öffnen (Taiwanesen können umgekehrt aber einfacher nach China einreisen, wenn auch mit Genehmigung). Obwohl taiwanesische Firmen oft groß in China investiert haben, sieht das Schicksal manchmal so aus: In der Nähe der taiwanesischen Firma in China entsteht eine neue Fabrik, die genau das gleiche produziert. Und plötzlich wandern die Arbeiter auch dorthin ab. Trotzdem gibt es noch genug erfolgreiche Firmen in Taiwan, in jüngster Zeit gerade im Computer-Bereich. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei gut sechs Prozent, wenn man von kurzfristigen Beschäftigungsverhältnissen absieht sollen es aber etwa zwölf Prozent sein. Ein Arbeiter in einer Fabrik erhält gut 800 Euro im Monat, eine normale Miete in einer kleinen Wohnung kostet in der Region Taichung circa 200 Euro.

Der Sonne-Mond-See auf Taiwan

Der Sonne-Mond-See auf Taiwan

Taichung passieren wir allerdings nur entlang der großen Autobahn, die uns an diesem Tag in das Herz Taiwans führt. Vorbei an dicht besiedelten Gebieten und Reisfeldern, die direkt in der Stadt neben den Häusern liegen. Diese fruchtbare Erde hat Taiwan immer gute Ernten beschert, so dass es noch nie eine Hungersnot gab. Heutzutage geht der Bedarf an Reis sogar zurück, weil junge Leute häufig Produkte aus Mehl essen. Wir lassen die beeindruckenden Stadt-Reisfelder hinter uns und fahren in die Region Shuishalian im Bezirk Nantou. Je weiter ländlich es wird, desto mehr Plantagen mit Betelnuss-Palmen sehen wir. Diese Pflanze kennen wir schon von Palau, wo die Betelnuss auch häufig von der Bevölkerung als Rauschmittel eingesetzt wird. In Taiwan stehen besonders die so genanten Betelnuss-Mädchen in der Kritik, die sich freizügig am Straßenrand zeigen und Betelnüsse verkaufen. Legal ist es, aber es wird beklagt, dass dies eine große Ähnlichkeit mit Prostitution habe, auch wenn sie nur Betelnüsse verkaufen. Ein paar Kurven weiter schmiegt sich auf 700 Höhenmetern der Sonne-Mond-See mit seinem smaragdgrünen Wasser in die hügelige Landschaft. Er ist der größte und schönste See im Zentralgebirge Taiwans. Der Name ist davon abgeleitet, dass der See im Norden dem chinesischen Schriftzeichen für Sonne ähnelt und im Süden für dem Zeichen für Mond.

Katharinas Logbuch: Doch sein Gesicht verändert der See je nach Wetter und Tageszeit. Morgens legt sich eine mystische Nebeldecke über die Wasseroberfläche, an einem klaren Tag strahlt er azurblau und am Abend scheint er im Golddunst der untergehenden Sonne. Als wir mit einem rosaroten Honeymoonboot (einfach toll!) über den Sonne-Mond-See schippern, hat sich der Morgendunst fast verzogen, und die Sonne glitzert in grünlich schimmerndem Spiegel des Wassers.

Über dem See thront der Wen Wu Tempel. Hier begrüßen uns Lord Wenchang, Saint Guan und Konfuzius persönlich am Eingang – aber aus Plastik. Ihnen ist das goldfarbene Gebäude gewidmet. Wir haben auf unserer Reise schon einige Tempel und Klöster besucht. Der Wen Wu Tempel zählt zweifelsfrei zu den schönsten, die wir bisher besucht haben. Von ganz oben hat man einen schönen Blick über die Anlage und den See.

Dann gehen wir zum Mittagessen in das Luxushotel Fleur Chine, wo schon am Eingang ein Wink-Komitee von drei Taiwanesinnen auf uns wartet. Äußerst professionell. Und auch das Essen ist qualitativ nicht mit Süd-China zu vergleichen. Der Aufbau mit drehbarer Mittel-Platte, auf die Gerichte für alle kommen, ist zwar gleich. Aber es wird weniger Fett verwendet (wenn auch noch reichlich) und die Speisen sind feiner gekocht. Es gibt Tofu mit einem Ingwer-Relish, Spinat mit chinesischen Pilzen und dann ganz viel Fleisch von Schwein, Rind und Huhn, etwa garniert mit Lemongrass. Die Qualität der Speisen überzeugt, wenn auch nicht die Überhäufig mit toten Tieren. Die taiwanesische Küche empfinden wir insgesamt als deutlich angenehmer – wobei je nach Region die Einflüsse aus China oder aus dem Ur-Taiwan größer oder kleiner sind.

Eine wunderschöne Blüte eines japanischen Kirschbaums

Eine wunderschöne Blüte eines japanischen Kirschbaums

Und dieses Ur-Taiwan möchten wir uns nun im Schaufenster ansehen. Zunächst haben wir wieder eine wunderbare Aussicht aus den Gondeln einer Seilbahn, die uns zum Kulturdorf Formosan bringt. Die Seilbahn erstreckt sich über knapp 2 Kilometer an der Südseite des Sees. Auf dem Weg entlang des Ufers und über dem Buji Tal bietet sich das spektakuläre Panorama des Sees.

Das Kulturdorf Formosan hat weniger dörflichen Charakter als Vergnügungspark-Atmosphäre. Unterschiedliche Elemente aus der heimischen Tradition und der ganzen Welt finden sich hier wieder: etwa europäische Gartenkunst mit einem großen Park, um den eine kleine Eisbahn fährt, moderne Fahrgeschäfte und die große Abteilung für die Ureinwohner der Insel. Neun kleine Freilichtmuseumsdörfer repräsentieren hier die Bau- und Lebensstile der Berg- und Küstenstämme, die Taiwan vor circa 10.000 Jahren besiedelt hatten. Den Park gibt es seit 1982 und seitdem wird er ständig erweitert. Bei Zuckerwatte und Würstchen am Spieß schlendert man durch ein modernes Freilichtmuseum und betrachtet die Kultur der Ureinwohner Taiwans in Kompaktform. So sehen wir hier Marterpfähle der Ursprungstaiwanesen ebenso wie die steinernen Wohnhäuser der Paiwan. Die pinkfarbenen Blüten der japanischen Kirschen untermalen die Szenerie und machen den Spaziergang durch den Park im Frühjahr zu einem besonderen Naturerlebnis. Besonders interessant für uns ist, dass der Park an den Berghang angelegt ist. Man schlendert also von oben nach unten – auf 250.000 Quadratmetern. Hier könnten wir auch einen ganzen Tag verbringen; einerseits mit den historischen Nachbauten, andererseits mit den modernen Vergnügungsmaschinen. Zum Abschied aus Taiwan wagt sich Thomas auf den schnellsten Free Fall Tower des Landes.

Thomas Logbuch: Früher einmal, mit 15,16, da waren Kirmesgeräte genau das richtige für mich – wenn sie nicht zu langweilig waren, obwohl sie absolut rasant waren. Mittlerweile hat sich das geändert. Aber auf den Free Fall Tower, auf den gehe ich auf jeder Kirmes gern. Also freue ich mich, hier in dem Park diesen Turm zu entdecken – und auszuprobieren. Ich sitze schon drin, da muss ich meine Brille abnehmen. Nein, nein, ich war schon häufiger auf so etwas, das passt schon, sage ich der Bediensteten auf Englisch. Nein, sie beharrt darauf, dass ich die Brille absetze. Das UFO, so der Name des Gefährts, rattert langsam hinauf. Oben angekommen möchte ich mir gerade Zeit nehmen, um den Park von oben zu erkunden – und ZACK! – schießt das UFO nach unten. Es fällt nicht, das ist viel mehr. Ich habe das Gefühl, es setzen sich drei Bronzebuddhas gleichzeitig auf meinen Kopf, mein Zwergfell wird zusammengedrückt und ich kann für einige Sekunden nicht mehr atmen. Mein Kopf dröhnt. Und die Bügel öffnen sich. Ich bin wieder unten. Ab sofort halte ich immer Ausschau nach den langsamsten Free Fall Towern des Landes.

Wirtschaft in Taiwan. Taiwan hat eine stark exportabhängige Marktwirtschaft. In den Volkswirtschaften der Platz nimmt sie Platz 26 ein. Taiwan war als einer der vier asiatischen Tigerstaaten Teil des asiatischen Wirtschaftswunders, erst durch landwirtschaftliche Erzeugnisse, dann durch die Produktion von billigen Massenartikeln. Jetzt nimmt die Bedeutung der IT-Industrie stetig zu. In vielen Bereichen ist Taiwan Weltmarktführer, so kommen 90 Prozent aller Notebooks, Smartphones und Motherboards weltweit aus Taiwan. Dabei treten diese taiwanesischen Unternehmen nicht als Marke in Erscheinung, sondern arbeiten als Original Equipment Manufacturer, produzieren also für etablierte Marken. Wichtigster Handelspartner ist China, gefolgt von Japan und den USA. Wegen deutlich gestiegener Produktionskosten verlagern immer mehr taiwanesische Unternehmen Produktionsstätten auf das Festland nach China, dadurch fließen beträchtliche Investitionen. Diese zunehmende wirtschaftliche Verflechtung mit China verbessert das Klima zwischen den beiden Staaten, sagt zumindest die Regierung. Die Bevölkerung sieht das oft anders. Ein Wirtschaftsabkommen zwischen China und Taiwan trat im September 2010 in Kraft. Wichtige landwirtschaftliche Exportgüter Taiwans sind Reis, Fisch und Tee. Der Orchideen-Export macht 60 Prozent des Weltmarkts dafür aus. Auf Taiwan werden 3200 Orchideen-Sorten gezüchtet. Eine Zeitlang war Taiwan auch der größte Exporteur von Fahrrädern. Für den Binnenmarkt sind Bananen, Guaven, Litschi und Javaäpfel wichtig. Die Hauptstadt Taiwans ist Taipeh mit 2,6 Millionen Menschen im Zentrum und 8,3 Millionen im Ballungsraum. In der Stadt steht auch der zweithöchste Büroturm der Welt, der Taipeh 101 mit 508 Metern. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei 18.000 US-Dollar pro Jahr. Vergleicht man die durchschnittlichen Jahreseinkommen von Kaohsiung und Taipeh, so liegt die Hauptstadt mit 1.500 US-Dollar zu 800 Dollar deutlich vorn. Regierungsbeamte erhalten 2.000 Dollar. Zum Vergleich dazu die Bildungs-Kosten: Von der 160 Universitäten in Taiwan sind nur 15 staatlich (700 US-Dollar / Semester), alle anderen privat (2.000 USD / Semester)

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