Quynhon (auch Qui Nhon), Süd-Vietnam, 77. Tag

8. September 2011
Die Zwillingstürme von Thâp Doi
Die Zwillingstürme von Thâp Doi

Die Zwillingstürme von Thâp Doi

Unser nächster Halt in Vietnam: Quynhon, wieder etwas weiter südlich im Land. Mit den genauen Schreibweise ist es übrigens nicht immer ganz einfach, selbst die Menschen selber nutzen unterschiedliche. So schreibt die örtliche Touristenagentur den Ort Quynhon und auf den Tellern im Restaurant ist Qui Nhon gedruckt. Ab und zu rutscht das h auch mal nach hinten, so dass es Qui Nohn heißt. Aber wir vertrauen einmal der Touristenagentur und dem Porzellan im Hotel-Restaurant, so dass wir diese beiden Schreibweisen anbieten. Den über 200.000 Einwohnern in der Stadt ist es wahrscheinlich egal. Ihre Stadt ist die Hauptstadt der Provinz Binh Dinh, die wegen ihres Reichtums an Kokosnüssen auch Land der Kokosnüsse genannt wird. Immer mal wieder sehen wir Kokospalmen zwischen den Häusern, von denen einige übrigens während der ganzjährig hohen Feuchtigkeit mit Moos befallen sind.


Mit Bus fahren wir aus der Stadt hinaus und begutachten die so genannten Jade-Zwillingstürme von Thâp Doi aus dem 12. Jahrhundert. Wir sind überrascht, denn diese sind wesentlich besser erhalten als die gestern beim Weltkulturerbe. Thâp heißt auf Vietnamesisch übrigens Türme und Doi zwei. Also Türme zu zwei, wie unser Guide es süß auf Deutsch übersetzt. Die Türme besitzen sind wieder aus Tonerde-Steinen gebaut und besitzen aus Granit gemeißelte Ornamente. Der Stil ist hinduistisch wie der bei den Tempeln Angkor in Kambodscha, weil die Cham (damals Südvietnam) und die Khmer (beherrschten weite Teile Südostasiens) Krieg führten – und sich dadurch auch ein kultureller „Austausch“ vollzog. Die Khmer hatten dann teilweise auch das Cham-Reich kolonisiert und in dieser Zeit entstanden auch Bauten, die dann den gleichen hinduistischen Baustil hatten. Denn die Khmer waren Hinduistischen, beeinflusst vom frühen Handel mit Indien.

Thomas’ Logbuch: All diese Türme wurden aus Tonerde gebaut, jedoch ohne Mörtel! Für Wissenschaftler ist es heute faszinierend, dass diese Bauten so halten können und teilweise heute noch stehen, zumindest wenn sie nicht von amerikanischen Bomben im Vietnamkrieg zerstört wurden. Die aktuellste Vermutung besagt, dass die Baumeister einst Kaktus- mit Zuckerrohrsaft mischten, was eine klebrige Mischung ergab. Dann setzten sie Stein auf Stein und schmierten den Saft dazwischen, was den Steinen zunächst Halt gab. Für die finale Festigkeit brannten sie dann vermutlich das ganze Bauwerk, von innen und außen. Also musste auch von außen ein großer Erdhügel darüber geschüttet werden, um das Gebäude abzudecken – im Prinzip eine riesige gebrannte Töpferarbeit. Heute noch sehen wir in dem Turm, dass tatsächlich Ziegel auf Ziegel liegt. Eine Meisterleistung, die wir selbst heute nicht ganz verstehen.

Bei unserem zweiten Stopp geht es zur Thâp Tháp Pagode, Thâp für Türme und Tháp für zehn, das Zeichen über dem A macht den Unterschied. Allerdings stehen diese zehn Türme nicht mehr, übrig geblieben ist nur der Name und ein buddhistischer Tempel. Dies ist besonders interessant, weil wir zunächst ein hinduistisches Bauwerk gesehen haben und nun ein buddhistisches. Das ist so zu erklären: Im 15. Jahrhundert führten die im Süden des heutigen Vietnams regierenden Cham einen Krieg gegen die Vietnamesen im Norden. Erst griffen die Cham Hanoi an, dann schlugen die Vietnamesen zurück und besiegten die Cham 1477. Dabei wurden 60.000 Cham getötet und 30.000 gefangen genommen. Das beendete die Cham-Regierung. Immer mehr Vietnamesen siedelten dann in den südlichen Breiten und brachten den Buddhismus mit.

Ein Blick vom Bus auf das Straßentreiben...

Ein Blick vom Bus auf das Straßentreiben...

Eine Mischung der Baustile finden wir schließlich bei den drei Cham-Türmen von Duong Long, die auch Elfenbein-Türme genannt werden. Sie sind mit Sandstein-Reliefs verziert, etwa mit Motiven von Fabeltieren. Je ein Turm ist einem Hindu-Gott gewidmet, einer dem Hindu-Gott Brama (Erschaffer), einer Shiva (Zerstörer, Erneuerer) und einer Vishnu (Erhalter, neutraler Richter zwischen den beiden). Die Dächer aus Granitstein tragen jedoch eine Lotusblume, was aus dem Buddhistischen kommt. Somit zeigen die Türme beide Einflüsse aus dem Westen (Khmer) und Norden (Vietnamesen). Auch heute noch mischen sich im Brauchtum und Aberglauben der Vietnamesen die Glaubensrichtungen Hinduismus und Buddhismus.

Bei unseren Fahrten von Bauwerk zu Bauwerk passieren wir immer wieder ursprüngliche Dörfer und Reisfelder. Vietnam zählt zu den größten Reisanbauern der Welt – und die fruchtbare grüne überflutete Landschaft scheint kein Ende zu nehmen. Wenn wir genau hinsehen, entdecken wir auf den Reisfeldern ganz viele kleine Plastikfahnen, genau genommen Holzpflöcke, an denen alte Plastiktüten hängen. Diese dienen als Vogelscheuche, weil sie im Wind Geräusche machen, die die Vögel vertreiben (sollen). Dennoch sehen wir immer wieder Scharen von weißen Fischreihern in den Feldern sitzen. Die Reiher suchen nach kleinen Fischen und Shrimps, die in den überfluteten Reisfeldern leben. Diese werden übrigens von den Vietnamesen gerne auch zusätzliche proteinhaltige Mahlzeit eingenommen. Die Reiher genießen es jedenfalls auch und zerstören beim Picken danach die Reispflanzen. Zusätzlich gibt es andere Vögel, die direkt die Blätter der Reispflanzen anknabbern. Eng verbunden mit Land und Reisanbau sind auch die Wasserbüffel. Ein Vietnamesischer BMW ist hier: Bauer mit Wasserbüffel. Mehrmals sehen wir – ganz urig – Wasserbüffel, die im Gestänge einen Holzwagen hinter sich herziehen, auf dem ein Bauer sitzt. Wir haben uns auch gefragt, was denn mit den ganzen Reisblättern gemacht wird, wo doch zum Essen nur das Reiskorn benutzt wird. Die getrockneten Blätter der Reispflanze essen die Büffel als Reisstroh. Gemischt mit Kompost der Büffel ergibt sich ein guter Dung für neue Reisfelder. Zusätzlich ist Reisstroh ein gutes Brennmaterial – etwa um die Öfen anzuheizen.

Und genau das sehen wir im Handwerkerdorf Nhan Hau. Hier bestimmt die rote Erde das Geschäft. In den zahlreichen Manufakturen entstehen Tonfiguren und -behälter, die die Handwerker in Teamarbeit mit Hand und Fuß fertigen. Die eine Person schwingt die Scheibe mit dem Fuß, während die andere mit beiden Händen aus dem weichen Ton ein Gefäß wachsen lässt. Die Töpferware wird direkt vor den Häusern in Strohöfen gebrannt. Hier werden allerdings nicht nur Vasen und Töpfe in den Ofen geschoben, sondern auch Reisfladen. Wir besuchen eine Bauernfamilie, die in ihrer Küche eine typisch Vietnamesische Speise zubereitet. In einem fensterlosen Raum mit nackten Betonwänden sitzt eine Frau hinter einem Feuer, das von Reisspelzen gespeist wird. Aus einer Milchige Suppe aus Reisbrei und schwarzen Sesamkörnern backt sie auf einer heißen Scheibe hauchdünne Fladen, die sie dann nach draußen zum Trocken legt. Dieses Reispapier ist bis zu einem Jahr haltbar. Wieder eingeweicht benutzen es die Vietnamesen für Frühlingsrollen oder zerschneiden sie zu Reisnudeln.

Deutlich ältere Töpferware finden wir im Binh Dinh Museum im Stadtzentrum. Doch hier geht es auch um den Vietnamkrieg. Auf dem Hof sind ein amerikanisches Geschütz und ein amerikanischer Panzer ausgestellt. Unser Touristenführer erklärt, dass die westlichen Medien früher immer nur davon gesprochen haben, dass Nord- gegen Südvietnam gekämpft hat. Und dass die Amerikaner gegen die Vietcong-Bewegung gekämpft haben. Das passt aber nicht ganz zusammen, weil die Widerstands-Bewegung im Süden war. In Wirklichkeit war es also so, dass die Amerikaner gegen die Vietcong im Süden gekämpft haben, und die Vietcong wurden vom Norden unterstützt. Das erklärt, warum im Süden Bomben fielen und warum es auch im Süden unterirdische Gänge der Guerilla-Kämpfer gibt.

Auf dem Cho Lon-Markt stöbern wir in den engen Gängen zwischen Plastikschuhen, Stoffballen und Mützen. Wir finden nicht das richtige und machen uns auf den Heimweg. Zum Abschied grüßt uns noch einmal ein überdimensionaler Buddha, diesmal an der Long Khan-Pagode.

Und wieder ein Buddha ;-)

Und wieder ein Buddha ;-)

Geschichte von Vietnam. Im 2. Jahrhundert v. Chr. eroberten die Han-Chinesen Vietnam. Trotzdem entwickelte sich im 2. Jahrhundert das Königreich Champa, das erfolgreichen Seehandel in Südostasien betrieb. Im 11. Jahrhundert entstand der erste unabhängige Staat Vietnam, der von China anerkannt wurde. Danach regierten unterschiedliche Dynastien. 1288 versuchte Kublai Khan, in Vietnam einzufallen und scheitert. 1471 nahmen erneut Chinesen das Land ein und kämpften auch gegen die Cham. Auch Vietnamesen griffen die Cham an und töteten 1477 über 60.000 Cham und nahmen 30.000 gefangen. Damit fiel das Königreich Champa und die Vietnamesen besiedelten den ganzen Süden. Das Land blieb aber unter Chinesischer Herrschaft. 1770 kam es zu Bauernaufständen gegen die Chinesen, die 1789 mit Erfolg gekrönt wurden. Nach und nach schickten jedoch Europäer Missionare, die wie vorherige Fremde mit kolonialen Absichten nicht mit offenen Armen empfangen wurden. Nachdem französische Missionare angegriffen wurden, nahm Frankreich 1859 Saigon ein und besetzte nach und nach das ganze Land. Schnell wuchs der Widerstand gegen die Besatzer (Vietminh), wobei Schwerter, Bögen und Bambusstäbe einer gut aufgerüsteten Armee gegenüber standen. 1917 ist die Sowjetunion das erste Land, das die Vietnamesen unterstützt. 1930 gründete Ho Chi Minh die Kommunistische Partei. 1940 eroberten die Japaner Vietnam. 1945 ging es zurück an Frankreich. Nationalisten und Kommunisten in Vietnam schlossen sich zusammen und führten einen Guerillakampf gegen Frankreich. Nach einer großen Niederlage zog sich Frankreich 1954 zurück. Vietnam wurde geteilt in das kommunistische Nord-Vietnam mit der Hauptstadt Hanoi und das vom Westen unterstützte Süd-Vietnam mit der Hauptstadt Saigon. Nachdem Nordvietnam mit anderen kommunistischen Staaten wie Nordkorea sympathisiert, wechseln die USA ihren Status gegenüber Vietnam von neutral auf feindselig. Im Süden hatte die USA einen Machthaber eingesetzt, gegen den sich ab 1960 eine nationale Befreiungsfront formierte (Vietcong). 1963 begann der Vietnam-Krieg, wobei nicht Nord-Vietnam gegen Süd-Vietnam kämpfte, sondern die Vietcong-Bewegung im Süden gegen die Saigon-Armee im Süden. Vietcong wurde dann von Nord-Vietnam unterstützt und die Saigon-Armee von den USA. Im Süden bombardierten die USA, setzten Agent Orange ein und nutzten auch Bodentruppen. Der Norden wurde „nur“ bombardiert. Auf Seiten der USA kämpften die Saigon-Vietnamesen, Südkorea und auch Neuseeländer und Australier. Sie waren den Vietcong technisch und zahlenmäßig deutlich überlegen. Trotzdem eskalierte der Krieg, die USA musste herbe Verluste hinnehmen. 1968 erlitten die USA einen Schock, als das erst Mal überhaupt eine US-Botschaft (in Saigon) besetzt wurde. Nach weltweiten Protesten gegen Bombardements und Napalm-Angriffe beschlossen die USA 1969 den Abzug der Truppen. Bombardements, unter anderem mit dem Entlaubungsmittel Agent Orange, dauerten aber bis 1973 an. 1972 gab es noch eine Offensive, bei der zwölf Tage und Nächte der Norden mit 200 B-52-Bombern attackierte wurde (weltweit hatten die USA 400 B-52). Bis dahin nahm man an, dass die Bomber zu hoch für herkömmliche Raketen fliegen. Über Vietnam wurden jedoch 56 B-52 abgeschossen. 1973 folgte daher der komplette Rückzug. „Die USA haben nicht verloren, aber sie konnten einfach nicht weitermachen – sonst wären alle Vietnamesen tot“, sagen die Vietnamesen heute. Im Krieg starben 2 Millionen Zivilisten, eine Million vietnamesische Soldaten und über 58.000 ausländische Soldaten. Die Nord-Vietnamesen setzten den Kampf noch fort und nahmen 1975 Saigon ein, woraufhin der Süden kapitulierte. Nach dem Vietnamkrieg kam es 1976 zur Wiedervereinigung und Saigon wurde nach dem verstorbenen Staatschef Nord-Vietnams in Ho-Chi-Minh-City umbenannt. Vietnam ist seitdem ein Ein-Parteienstaat, in dem die kommunistische Partei die Macht hat. Kurze Zeit später fiel Vietnam in Kambodscha ein, um die Massaker von Pol Pot in Kambodscha zu beenden. Die USA verhängten daraufhin ein Embargo. 1986 leitete die Regierung wirtschaftliche Reformen ein und öffnete sich dem Westen, was einen wirtschaftlichen Aufschwung zur Folge hatte. 1989 zog Vietnam aus Kambodscha ab, woraufhin 1994 die USA das Embargo aufhoben. Auch der Tourismus befindet sich nun im Aufwind.

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