Mekong und Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon), Vietnam, 79. Tag

8. September 2011
Die Astor fährt den Mekong hinauf
Die Astor fährt den Mekong hinauf

Die Astor fährt den Mekong hinauf

Unser Morgen beginnt mit einer Flusskreuzfahrt. Die Astor fährt in das Mekong-Flussdelta, das 300 Kilometer breit ist und eine Fläche von über 80.000 Quadratkilometern hat – das ist fast genau so groß wie Bayern. Das Wasser wird langsam bräunlich, weil die aufgewirbelten Sedimente im Fluss sich angesichts der Fließgeschwindigkeit noch nicht abgesetzt haben. Rechts und links wird es immer enger und Mangrovenwälder begleiten unseren Weg. Diese sind sehr wichtig für die Menschen, weil sie Fischreichtum bringen und einen Wellenschutz bieten. Stark vertreten ist hier auch die Nippa-Palme, eine Fieder-Palme mit niedrigem Stamm, deren Blätter bis zu 13 Meter lang werden können. Diese Palme kommt selten vor und ist speziell für diese Region. Besonders wichtig ist sie für den Häuserbau, da ihre Blätter ein hervorragendes Isoliermaterial bieten. Die Früchte sind essbar und auch zu destillieren, was den Nippa-Whiskey ergibt. Der Blütenstand lässt sich zu Salaten verarbeiten. Auch das Tierreich ist hier vielfältig, das Mekong-Delta zählt zu den fünf artenreichsten Flussgebieten der Erde. An den Flussufern sehen wir kleine Hütten und Anlegeplätze. Hier leben die Menschen mit dem Fluss.

Gleich drei Kriegsschiffe begleiten uns bis nach Saigon. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob das etwas mit uns zu tun hat, aber wir gehen einmal davon aus, dass sie ohnehin auf ihrem Weg in den Hafen sind. Insgesamt geht es für uns 80 Kilometer hinauf, bis wir den Mekong-Teil erreichen, der Saigon-Fluss genannt wird, weil er direkt an die Stadt heranführt. Hier gibt es nur noch gut 10 Meter Tiefgang, die Sedimente, die der Mekong mit sich führt, versanden den Fluss immer wieder – weshalb er ständig ausgebaggert werden muss. Saigon befindet sich ganz am östlichen Rand des Mekong-Deltas. Saigon hieß ursprünglich in der Khmer-Sprache (Die Khmer hatten Saigon einst besetzt) Wald aus Kapokbäumen, weil dort viele dieser Bäume standen. Seit der Machtergreifung der Kommunisten 1975 ist die Stadt nach dem Führer der Befreiungsbewegung benannt, Ho-Chi-Minh. In der vergleichsweise jungen Stadt (im 17. Jahrhundert gegründet) kann man sich auf die Suche nach französischen, amerikanischen und kommunistischen Einflüssen begeben. Zu den französischen: Bis 1960 gab es zum Beispiel die Guillotine. Ho-Chi-Minh-City hat heute fünf Millionen Einwohner im Zentrum, 7 Millionen mit den Außenbezirken. Schon 2007 kamen darauf 2,5 Millionen Mopeds, heute sind es 4 Millionen – und dazu über 700.000 Autos. Hier geht es also noch quirliger zu als im Norden. Denn Ho-Chi-Minh-Stadt ist eine Großstadt und das merkt man in den Straßen. Auch in der Mentalität gibt es Unterschiede zwischen Nord und Süd. Es heißt, die Süd-Vietnamesen seien lebenslustig, frivol, ja sogar verschwenderisch. Und die Nord-Vietnamesen sparsam und genügsam. Eine Redensart besagt, dass wenn ein Bauer im Norden ein Hähnchen gemästet hat, verkauft er es auf dem Markt. Ein Bauer im Süden kauft eine Flasche Wein und lädt seine Freunde zum Essen ein. Und wenn ein Mann aus dem Norden eine Frau aus dem Süden heiraten wollte, so wurde er davor gewarnt, dass die südlichen Frauen sündig seien.


Am Vormittag erreichen wir Saigon. Wir liegen auf der Seite des Saigon-Flusses, auf dem sich das Zentrum befindet. Hier ist auch gerade ein markanter Wolkenkratzer zu erkennen, der Finanztower. Gerade in den letzten Jahren sind viele neue Hochhäuser entstanden. Auf der anderen Seite des Flusses stehen bisher nur kleine Häuser und es sieht etwas verwildert aus. Doch auf dieser vergleichsweise unbevölkerten Fluss-Seite soll ein zweites Zentrum entstehen, nach dem Vorbild von Shanghai. Die wirtschaftliche Verflechtung Vietnams nimmt zu, auch die mit Deutschland. 14 Prozent des gesamten Exports geht nach Deutschland, davon sind ein Fünftel Textilien. Waren im Wert von 3,6 Milliarden gehen jährlich von Vietnam nach Deutschland und Waren im Wert von 1,4 Milliarden von Deutschland nach Vietnam. Hatten wir bisher wenig amerikanische Einflüsse in Vietnam ausgemacht, so finden wir in Saigon das erste KFC Fast Food Restaurant. McDonald’s ist noch nicht gekommen, vielleicht weil es hier das „Saigon McDonald’s“ gibt: Für einen Dollar gibt’s Baguette mit Fleisch am Straßenrand. Darüber und daneben hängen dann mal so Strom- und Telefonkabel herum, eine gefährliche Angelegenheit für jeden Fußgänger, auch wir merken erst beim Umdrehen, dass wir vor einer Sekunde 20 cm unter einem offenen, nach unten hängendem Stromkabel hindurch gelaufen sind. Nur manche Gehwege und Kreuzungen sind davon schon befreit, es beginnt gerade ein 300 Millionen US-Dollar schwerer Programm, dass zumindest schon mal die Telefonkabel unterirdisch verlegen soll. Vieles erscheint uns rückschrittlich, die Ampeln sind sehr fortschrittlich: Sowohl für die Grünphase als für die Rotphase zählen sie in grünen oder roten Zahlen herunter, wie lange die Phase noch andauert. Natürlich fahren die ganzen Mopeds schon an, wenn die rote Zahl noch auf 3 Sekunden steht. Nur wenn der Zug mitten durch die Stadt fährt, müssen sie halten. Diese Zugstrecke haben wir schon häufig gesehen, sie führt 1700 Kilometer (32 Stunden Fahrt) von Saigon bis zur Hauptstadt Hanoi im Norden.

Einer der Märkte mit lauter "Original"-Ware

Einer der Märkte mit lauter "Original"-Ware

Wir stürzen uns an diesem Nachmittag ins Getümmel. Wir nehmen ein Taxi, das außerhalb des Hafengeländes wartet, das soll günstiger sein als die anderen, die direkt vor dem Schiff warten. Wir verhandeln mit dem Taxifahrer und er bringt uns für einen US-Dollar pro Person zum Markt. Zu siebt quetschen wir uns in den normalen Pkw und dann geht die rasante Fahrt los. Durch hupende Motorradschwärme bahnt sich unser Taxi den Weg ins Zentrum. Nach ein paar Minuten hält er schon vor dem Ben Than Markt. Hier gibt es nicht nur Lebensmittel wie getrockneten Fisch, Schlangenschnaps oder Süßigkeiten. In den schmalen Gängen reiht sich eine kleine Verkaufsbox an die nächste. Die eine Verkäuferin drapiert Taschen mit Gucci, Prada oder Jimmy Choo Aufdruck in den Regalen, während der Verkäufer daneben seine Uhren-Vitrine poliert, in der die Ziffernblätter Namen wie Breitling, Rolex oder Lange tragen. Überall stapeln sich T-Shirts mit einem Krokodil oder einem Polospieler auf der Brust. Auch Mützen oder Schuhe mit den drei Streifen an der richtigen Stelle stehen zum Verkauf. Es sind vor allem Vietnamesen, die hier einkaufen. Nur vereinzelt sieht man Europäer, die meisten, die wir hier treffen, kennen wir vom Schiff. Hier kann man Schnäppchen machen, doch man muss wissen, wie es geht. Ein Einheimischer hat uns gesagt, dass man den Preis bis zu 80 Prozent herunterhandeln kann. Und das wollen wir ausprobieren.

Katharinas Logbuch: Ich suche mir eine Tasche aus, die Verkäuferin will 55 US-Dollar dafür haben. Ich lache und sage, es sei zu viel. „How much you give?“, fragt die Verkäuferin. Ich sage, 10 Dollar. „Oh come on“, sagt die Dame. Sie tippt eine andere Summe auf ihren Taschenrechner, 35 Dollar. Viel zu viel, für das Plastiktäschchen, sage ich, wir deuten an, dass wir gehen. Sie ruft Stopp und unterbreitet uns eine neue Zahl, 25 Dollar. So schön ist die Tasche doch wieder nicht, 10 Dollar sage ich und wir gehen definitiv. Als wir später an dem Stand vorbeikommen, ruft uns die Verkäuferin zu und winkt mit der Tasche. Okay, sagt sie. Ich schaue mir die Tasche noch mal an und stelle fest, dass ein Reißverschluss in der Mitte aufgeplatzt ist. Die Verkäuferin, sagt, dass sei völlig normal und zeigt uns, dass die anderen Reißverschlüsse ebenfalls aufplatzen. Ich bin froh, dass ich die Tasche nicht für 55 Dollar gekauft habe und lasse sie am Stand hängen.

Nicht alles was hier verkauft wird, hat mangelhafte Qualität. Doch man muss sehr genau hinschauen, ob das vermeintliche Schnäppchen sich nicht als Billigartikel entpuppt. Wenn man dafür nur ein paar Dollar bezahlt okay, aber man sollte nicht bei der ersten Zahl sofort die Dollar-Noten zücken. An diesem Nachmittag feilschen wir trotz 36 Grad und gefühlten 200 Prozent Luftfeuchtigkeit noch das ein oder andere Mal. Wir stellen fest: Die Hälfte des Preises gehen die meisten Händler immer runter. Manche auch mehr. Wobei einige Verkäufer beleidigt tun, wenn man um 10 Dollar zäh verhandelt. Sie glauben, für die reichen Touristen sei das wenig Geld. Manche werden sogar sehr unfreundlich. Doch auf dem Ben Than Markt gibt es zum Glück unzählige Stände, so dass man das gleiche Hemd oder Kofferset immer noch bei einem anderen Händler findet, der freundlicher ist.

Nach ein paar aufreibenden Stunden im Markt-Gedränge fahren wir zurück zum Schiff. Diesmal lassen wir den Betrag auf dem Taximeter ausrechnen und bezahlen mehr als auf der Hinfahrt. Also empfiehlt es sich in Saigon, den Fahrpreis immer im Voraus auszuhandeln. Direkt am Pier warten auch ein paar Händler, die Uhren, Kappen und Tücher anbieten. Doch hier sind die Preise etwas höher als auf dem Markt, die Händler hier wissen, die Kreuzfahrer haben Geld und lassen nicht mit sich handeln. Wir kaufen nur eine kühle Kokosnuss für einen US-Dollar und genießen das exotische Getränk im klimatisierten Schiff.

Mekong. Der Mekong entspringt auf 5200 Metern Höhe aus mehreren Zusammenflüssen in schwer erreichbaren Gebieten im Hochland von Tibet. Der Mekong ist mit 4.500 Kilometern unter den zehn längsten Flüssen der Erde, schiffbar sind 1.600 Kilometer. Im Verlauf markiert der Fluss die Grenze von Myanmar und Laos, kreuzt Kambodscha und mündet dann in Süd-Vietnam ins Meer, 17 Kilometer südlich von Saigon. Im 300 Kilometer breiten Delta sorgt der Mekong für die Überflutung der Reisfelder, denn die Sedimentation bringt gute Erde und man muss nicht düngen. Jährlich können Menschen hier 16 Millionen Tonnen Reis in drei Ernten gewinnen. Dazu wird auch Zuckerrohr, Kokosnuss und Papaya angebaut. Durch die angesprochene Sedimentation ist das Delta auch entstanden. Über einen für uns unvorstellbar langen Zeitraum haben sich nach und nach immer mehr Sedimente abgelagert, so dass sich das Delta auch heute noch jedes Jahr um 80 Meter weiter zum Meer hinausschiebt. Das braune Wasser des Mekongdeltas bedeutet nicht, dass dieses Wasser schmutzig ist, sondern dass sich darin Schwebstoffe wie Sande und Quarze befinden. Wegen der Fließgeschwindigkeit haben diese sich teilweise noch nicht auf den Boden abgesetzt. Das bedeutet aber auch gute Lebensbedingungen für Tiere. Das Delta beheimatet mehr als 1200 Fischarten, was ihn zu den zu den fünf artenreichsten Flüssen der Welt macht. Hier leben zum Beispiel der Riesen-Wels und der Süßwasser-Stachelrochen, die größten ständig im Süßwasser lebenden Fische. Dazu kommen Riesenkrabben sowie zahlreiche Vogel- und Reptilienarten. In den nördlichen Sommermonaten (Regenzeit) ist der Wasserstand um 10 bis 15 Meter höher als in den Wintermonaten (Trockenzeit). In der Regenzeit ab Juni drückt der Mekong das Wasser entgegen der Fließrichtung in den Tonle-Sap-Fluss in Kambodscha, so dass der Fluss den Tonle-Sap-See von 2.500 auf 20.0000 Quadratmeter anschwellen lässt – ein weltweit einzigartiges Phänomen. Die Menschen in Kambodscha feiern dazu das dreitägige Fest des Wassers. Von Oktober bis Juni fließt der Tonle-Sap-Fluss wieder in südöstlicher Richtung zum Mekong. Das geflutete Delta des Mekong umfasst eine Fläche von 39.000 Quadratkilometern, etwas kleiner als die Schweiz. Das Gesamt-Mekong-Delta, auch mit nicht überfluteten Gebieten, umfasst sogar 70.000 Quadratkilometer – so groß wie Bayern. Während seines gesamten Verlaufes hat der Mekong ein Einzugsgebiet von 800.000 Quadratmetern. In den letzten Jahren hat der Wasserstand des Mekongs dramatisch abgenommen. Grund: Für den Jangtse-Staudamm (größter Staudamm der Welt) hat China einen Zuflussarm des Mekongs abgezweigt, weshalb mehr Wasser Richtung Staudamm fließt und weniger Richtung Mekong-Delta.

Mangrovenwälder. Die Fische legen hier ihre Eier ab und die kleinen aufwachsenden Fische können sich zwischen den Mangrovenwurzeln vor den großen verstecken. Kommt etwa ein Tsunami, so brechen die Mangrovenwurzeln und –Bäume die große Welle und schützen das Hinterland. Im Mekong-Delta ist es übrigens die weiße Mangrove, erkennbar am Farbeinschlag der Stämme (Es gibt auch rote und schwarze Mangroven, deren Stämme dann rötlich bzw. dunkler sind). Nur die Mangroven können auch direkt dort am Wasser wachsen, wo sich noch Süß- und Salzwasser vermischen. Denn die Bäume haben Salzdepots, die – wenn gefüllt – das Salz wieder ausscheiden können. Somit bleibt dem Baum Süßwasser übrig. In den tropischen Regionen werden die Mangrovenwälder jedoch häufig abgeholzt, um Platz für Shrimp-Farmen zu machen. Das führt dazu, dass viele Tiere ihren Lebensraum verlieren und der Mensch häufiger Opfer von Überflutungen wird – oder von Tsunamis.

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