Kochi (Cochin), Kerala Backwaters, Indien, 99. Tag

11. September 2011
Die Backwaters von Kerala
Die Backwaters von Kerala

Die Backwaters von Kerala

Wieder einmal müssen wir Landgangskarten ausfüllen, Schnipsel mit von Bord nehmen und sie unzähligen Uniformierten vorlegen. Dann dürfen wir in Kochi von Bord. In Indien passt man genau auf, wer ins Land darf. Wurden wir in Asien mit Luftballons und Tanzgruppen begrüßt, sind es hier Militärs. Sie schauen auch weniger freundlich drein als die professionellen Empfangskomitees.

Kerala, übersetzt „Land der Kokospalmen“, ist der Vorzeigebundesstaat Indiens. Er ist einer der kleinsten und mit rund 33 Millionen Einwohnern einer der am dichtesten besiedelten indischen Bundesstaaten (856 Einwohner pro Quadratkilometer). Hier ist alles so, wie sich Indien gerne sieht. Die Einwohner sind gut ausgebildet, nirgendwo anders in Indien gibt es so wenige Analphabeten. Der Schulbesuch ist kostenlos und die Lehrer erscheinen tatsächlich zum Unterricht, als Folge sprechen 99 Prozent der Keralis Englisch, so die offizielle Statistik. Das ist in Indien noch immer keine Selbstverständlichkeit. In vielen Landesteilen verschlingt Korruption viele Staatsgelder. Darunter leiden die Menschen, vor allen im Norden und insbesondere im Nordosten des Landes. In Kerala an der Westküste soll es anders sein. Hier bekommen ältere eine vergleichsweise hohe Rente und auch sonst erhalten die Menschen Unterstützung vom Staat. Ein Einheimischer erzählt uns, das besondere sei, dass es hier keine Slums gebe, wie sonst überall im Land. Doch sieht man auch hier sehr bescheidene Holzhütten und renovierungsbedürftige Häuser. Doch sollen 90 Prozent der Menschen ein eigenes Haus besitzen. In Kerala gibt es mehr Regeln, die auch durchgesetzt werden. So sieht man überall in Indien Kühe auf der Straße, hier nicht. Freilaufende Kühe sind auf der Straße nicht gerne gesehen, hier hat man sie lieber auf dem Teller. Auch liegt etwas weniger Müll in den Straßengräben als woanders, doch als sauber kann man diesen Staat auch nicht bezeichnen. Kerala sei ganz anders als das restliche Indien, verkündet der Einheimische nicht ohne Stolz.

Leben am Fluss

Leben am Fluss

Was wir sehen, sieht dem, was wir bisher in der Umgebung um Chennai gesehen haben, sehr ähnlich. Dennoch haben die Menschen hier ein anderes Lebensgefühl. Sie sind patriotisch und zeigen dies in ihren weißen Trachten. Männer und Frauen tragen weiße Kleidung, denn Kerala ist ein Zentrum der Baumwollindustrie. Die Männer sind besonders stolz auf ihre Oberlippenbärte Sie tragen ihre struppigen Schnäuzer als Symbol der Männlichkeit. Je länger und gezwirbelter, desto mächtiger. Ein Mann ohne Haare im Gesicht gilt als weiblich und somit schwach. In Indien sind die Gesellschaftsstrukturen noch sehr traditionell. Vor allem die Hindus tragen ihre Bärtchen. Die meisten Menschen in Kerala gehören zu dieser Glaubensgemeinschaft. 25 Prozent sind Moslems und gut ein Fünftel sind Christen. Kerala weist damit die höchste Anzahl von Christen in einem indischen Bundesstaat auf. Christliche Kirchen sehen wir überall entlang unseres Weges um die Stadt Kochi herum. Auch Moscheen sehen wir gelegentlich. In Indien kommt es immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Religionsgruppen. Daher fördert die Regierung von Kerala Mischehen mit finanziellen Anreizen. Doch noch immer gibt es deutliche Ungleichheiten. So sind Muslime in Kerala ärmer und leben einen traditionelleres Leben. Sie betreiben keine Familienplanung, daher bekommen Muslime im Durchschnitt 5 Kinder, während Christinnen und Hindu-Frauen nur Halb so viele Babys gebären.

Unser Tag in Kochi und Umgebung steht im Zeichen des Wassers. Kochi mit seinen eineinhalb Millionen Einwohnern liegt auf drei Halbinseln und zwischen mehreren Lagunen. Die Stadt nennen die Inder auch „Königin der Seen“. Die Region ist geprägt durch die vielen Wasserarme, die sich durch die Landschaft ziehen. Besonders berühmt ist die Region für die so genannten Backwaters, die sich über 1900 Quadratkilometer erstrecken. Zum Gebiet gehören 29 Seen und Lagunen und 44 Flüsse. Ursprünglich war das Gebiet eine Süßwasserlagune. Aber 1341 hat eine Flusskatastrophe hier einen der größten natürlichen Häfen der Welt geschaffen und auch die Süßwasserlagune überschwemmt. Seitdem haben die Backwaters im Prinzip einen Zugang zum Meer. Doch die britischen Kolonialherren bauten ein Damm-System. Seitdem fließt bei Flut kein Salzwasser vom Meer hinein und bei Ebbe fließt Wasser aus der Lagune in den Ozean. Somit bleibt das Wasser kombiniert mit starken Niederschlägen auch Süßwasser.

So sehen die Backwaters von oben in Fisheye-Perspektive aus (Foto: Kerala Tourism):

Kerala Backwaters, Foto: Kerala Tourism

Kerala Backwaters, Foto: Kerala Tourism


Um die Backwaters zu erkunden, fahren wir etwa 60 Kilometer südlich von Kochi in die Stadt Alappuzha. Die Stadt rühmt sich mal wieder mit einem Kosenamen, wie könnte es anders sein: Venedig des… Ostens. Wie häufig es Venedig auf der Welt gibt… jedenfalls besteigen wir hier in Südwest-Indien eins der mittlerweile traditionellen Hausboote, so genannte Kettuvallams. Dies sind umgebaute Reisbarken. Früher transportierten sie Reis, Gewürze und Kokosnüsse. Weil die Waren heute mit Lkw oder größeren Schiffen transportiert werden, dienen die Boote nun als schwimmende Hotels. Sie schippern zu hunderten über die kleinen Kanäle und Seen. Unser Boot hat zwei Schlafzimmer mit Badezimmern, eine Küche und einen offenen Wohnraum. Das Schiff ist komplett mit Rattan-Material bedeckt. Bei 35°C und feuchter Luft gleiten wir langsam über das mit Wasserhyazinthen bedeckte Wasser. Andere Wasserpflanzen sterben wegen des Lichtmangels ab, die Wasserhyazinthen wuchern überall. In den Häuschen am Ufer gehen die Menschen ihrem täglichen Leben nach: Sie spülen ihre Töpfe im Fluss, klopfen ihre nasse Wäsche auf Steinen und verkaufen frischen Fisch direkt aus ihren Booten. Direkt unterhalb der Wasserläufe liegen grüne Reisfelder, interessanterweise wirklich etwas tiefer als der Wasserpegel, die Kanäle sind eingedeicht. Palmen und Bananenpflanzen säumen das Ufer. Die Länge der natürlich und künstlich angelegten Kanäle beträgt 1500 Kilometer – und ist heutzutage vorwiegend vom Menschen geprägt. Ursprünglich Mangrovenwälder mussten Kokos- und Kautschukplantagen, Cashew-Bäumen sowie Reisfeldern weichen. So wird die Ruhe der verzweigten Wasser auch durch knatternde Schiffsmotoren unterbrochen. So schippern wir drei Stunden durch das verzweigte Kanalsystem. Zwischendurch serviert uns die Crew ein typisch indisches Mittagessen, bestehend aus einem roten Curry, einem Bananen-Joghurt-Curry, indischem Krautsalat mit Pfefferkörnern, Bohnen und Reis. Landestypisch und lecker!

Cashewnuss. Schlanke hohe Bäume tragen die Cashewnuss. Sie stammt aus Brasilien und Mexiko. Der essbare Fruchtstil ist der Cashewapfel, die bei uns bekannte „Nuss“.

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