Seetag und Kreuzfahrtgeschichten, Golf von Thailand, 86. Tag

9. September 2011
Achtern auf der Astor
Achtern auf der Astor

Achtern auf der Astor

Morgens setzen wir uns hinaus zum Frühstück, direkt an der Reling. Beim Futtern haben wir so einen herrlichen Blick aufs Meer, bei strahlendem Sonnenschein. Nur das kann sich in den Tropen schnell ändern. Plötzlich sehen wir in ein paar hundert Metern Entfernung, wie sich eine Regenwolke auf uns zu bewegt. Ein fantastischer Anblick, denn wann kann man normalerweise den Regen wirklich sehen? Wir sehen die Wolke, die gräulich-blauen Regenstreifen, die sich scheinbar ins Wasser ziehen lassen – und es kommt immer näher. Nun, wir sitzen überdacht, nur die Seiten sind offen. Sollte also alles gut gehen. Aber der Wind setzt ein und schlägt uns den Regen ins Gesicht. Wir müssen durchnässt nach drinnen flüchten zum restlichen Pulk, der sich schon vorher gerettet hatte.

Die Kreuzfahrer sind eine eigene Familie. Man kennt sich von verschiedenen Schiffen. Der wer auf der Astor reist, meidet in der Regel die Megaliner mit tausenden Passagieren. Die klassischen Kreuzfahrer sind begrenzt in ihrer Zahl, noch dazu im mittleren Preissegment. Daher treffen sich an Bord immer wieder Bekannte.


Seit Beginn unserer Reise hat sich das Publikum verändert. Sind die Weltreisende meistens Rentner, steigen auf den kürzeren Strecken immer wieder jüngere Menschen zu. Dazu zählen wir Menschen im besten Alter, also jenseits der 50. Vereinzelt verirren sich auch noch jüngere Menschen an Bord. Aber wir sind mit unseren 24 Jahren mit Abstand die jüngsten Passagiere, wenn man mal von Kleinkindern absieht.

Mit den über 100 Weltreisenden und stets wechselnden Zusteigenden ist es nie langweilig an Bord. Der Flurfunk funktioniert, egal ob beim Frühstücks Sekt oder Kaffeetrinken und so spricht sich alles rum. Nach kurzer Zeit kennt jeder jeden. Man sieht sich schließlich jeden Tag, ob in den Restaurants oder an Deck. Das Herzstück des Klatsch und Tratsch ist die Tischgemeinschaft. Jene Personen, mit denen man im Hauptrestaurant jeden Abend diniert. Sie ist oft die Keimzelle von Gerüchten und Geheimnissen, die schon keine mehr sind.

Auf der Astor spielen sich täglich Szenen ab, die jede Seifenoper wie ein wie das literarische Quartett aussehen lassen. So gibt es auch heiße Affären, unerfüllte Liebe aber auch spontane Verlobungen und lang ersehnte Wiedersehen. All dies bleibt nie lange ein Geheimnis, denn irgendwer hat immer etwas auf dem Gang gesehen oder durch dünne Kabinenwände gehört. Und dann wird erstmal über dem Tortenteller getratscht und es wird brühwarm alles weiter erzählt. Früher haben wir geglaubt, alles was auf dem ZDF-Traumschiff passiert, sei maßlos übertrieben. Nun können wir sagen, es ist weit untertrieben. Wir hören von Männern, die nachts ungefragt in der Kabine der Angebeteten auftauchen oder in Viererkabinen regelrechte Kleinkriege ausfechten, bis einer auszieht. Wir sehen funkelnde Verlobungsringe und falsche Louis-Vuitton-Taschen. Man erzählt uns von verwinkelten Lebenswegen von tragisch verstorbenen Ehemännern bis zu fantastischen Seeabenteuern. Auch schillernde Persönlichkeiten trifft man an Bord der Astor. Da ist der Mann, den jeder hier den Herrn der Ringe nennt, wegen seines Goldschmucks um Hals uns Armen. Da ist der Mann, der immer mit Stäbchen isst. Oder die Frau, die als Fußballbotschafterin um die Welt reist. Und da ist der korpulente Mann, der immer im Schlafanzug zum Frühstück erscheint. Auch trifft man an Bord interessante Menschen, die schon um die ganze Welt gereist sind. Manche ein, zwei Mal, manche aber schon 20 Mal. So erfährt viel über abenteuerliche Antarktis-Touren, Tenderaktionen vor La Réunion oder der Osterinsel oder Stürmen vor Kap Horn. Jeder hat besondere Tipps, wie den besten Frisör im Jemen, den billigsten Uhren in Hong Kong oder dem schönsten Aquarium in Osaka. Aber auch praktische Hinweise für den nächsten Landgang teilt man gern, denn die meisten die hier mitfahren, waren schon, wo wir noch hinkommen.

Die meisten Mitreisenden geben gern an mit ihrer Reise-Erfahrung. Am Tisch überbietet man sich gern, jeder will länger und weiter weg von Zuhause gewesen sein. Erzählt der eine von einer besonders interessanten Begegnung an einem Ort, findet sich garantiert sofort jemand der einwirft, ah ja, da war wir auch schon x Mal. Auch nach den Landausflügen wird bereitwillig erzählt. Wo wart ihr denn, ist die erste Frage. Daraufhin sollte man möglichst viele Touristenattraktionen der Gegend aufzählen. Meistens folgt die Frage, wie, ihr wart nicht am sowieso Tempel/Hotel/Markt/Strand? Denn genau der Ort, den man nicht aufgezählt hat, den der Gesprächspartner aber besucht hat, wird direkt zum schönsten Tempel/Hotel/Markt/Strand der „gesamten Weltreise“ erklärt. Punktsieg für den Gesprächspartner. Die Konversation geht dann meistens in die nächste Runde. Wie viel habt ihr den bezahlt, für sagen wir mal, die Stadtrundfahrt. Wer jetzt sagt, er hat einen organisierten Ausflug gebucht, ist gleich raus. Dass die am teuersten sind, ist allgemein bekannt. Gefragt wird nach Taxipreisen, verglichen wird wie lange gefahren wurde und wie viele Ziele in möglichst kurzer Zeit abgeklappert wurden. Als Gewinner gehen aus den Preisvergleichs-Gesprächen meist diejenigen hervor, die die lokalen Verkehrsmittel der Einheimischen benutzt haben. Gerade in Südostasien kann man mit einem Bus oder Sammeltaxi meist für ein paar Cents von A nach B kommen. Außerdem sind bei dieser Fortbewegungsart noch extra Punkte in Sachen Kulturerfahrung zu holen. Denn jeder will möglichst das Land in seiner Ursprünglichkeit erleben, fernab der ausgetretenen Touristenpfade. Das widerspricht natürlich gerade in kleineren Häfen der Realität einer Kreuzfahrt, wenn rund 500 Deutsche die Stadt stürmen. Jeder will das schönste, interessanteste und exotischste gesehen und erlebt haben. Dabei tritt man sich bisweilen auf die Füße. Denn wenn gleich 20 Leute vietnamesische Reisbauern beim Einpflanzen mit Digitalkameras attackieren, hat die Situation weniger etwas Authentisches als etwas Skurriles. Aber dafür sind die meisten auf dieser Reise. Sie wollen einen Blick erhaschen auf eine fremde Kultur und ein kleines Stück davon mit nach Hause nehmen, als Erinnerung.

Monsun in Südostasien. Kennzeichen des Klimas in Südostasien ist der Monsun, starke regelmäßig Regenfälle. Der Südwest-Monsun herrscht von April bis Oktober. Denn im Nordhalbkugel-Sommer scheint die Sonne auf das Festland und erwärmt die Erde stärker als das Meerwasser, weil es länger dauert, Wasser zu erwärmen. Die erwärmte Luft steigt über dem Festland auf, daraus entsteht ein tiefer Luftdruck, dort strömt dann vom indischen Ozean Luft nach. Im Winter ist es genau umgekehrt, das Festland kühlt schneller ab als das Meer, woraufhin das Meer wärmer als das Land. Dadurch bilden sich Tiefdruckgebiete über dem Meer und vom Land strömt die Luft nach. Das ist dann der Nord-Ost-Monsun von Oktober bis Februar.

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