Mumbai (Bombay), Indien, 102. Tag

13. September 2011
Im Verkehr von Mumbai

Megastadt Mumbai. In Indien das Zentrum für Industrie, Handel, Finanzen und Kinofilmproduktion (Bollywood). In etwa wissen wir schon, was uns erwartet, aber es soll viel krasser werden, als wir es uns jemals hätten vorstellen können.

Siedlungen an der Stelle des heutigen Mumbais werden schon auf 1500 v. Chr. datiert. Der britische Kolonialname Bombay leitete sich von Bom Bahia ab, portugiesisch für schöne Bucht, und die Engländer vereinfachten es zu Bombay. Auf Druck indischer Patrioten wurde der Name Bombay 1996 in Mumbai geändert. Dieser wurde lokal schon länger verwendet und ist an die Hindu-Göttin Mumbadefi angelehnt. Mumbai ist die Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra. Das Stadtzentrum liegt auf einem schmalen Landstreifen, der ins arabische Meer hineinragt. Mit 14 Millionen Einwohnern zählt Mumbai zu den größten Städten der Welt. In der Mumbai-Metropolregion leben sogar über 20 Millionen Menschen. Diese Metropolregion wickelt 40 Prozent des indischen Außenhandels ab – ähnlich bedeutend also wie Bangkok für Thailand. Ein Drittel der gesamten Einkommenssteuer-Einnahmen Indiens kommen aus Mumbai.

Wie viel hier los ist, sehen wir direkt beim Anlegen: Soweit das Auge reicht, liegen Schiffe im Hafen, auf Reede vor dem Hafen und wenn man sich herumdreht, gibt es keine Schiffe mehr, sondern Häuser, Häuser, Häuser. Am prägnantesten sind etwas schäbig wirkende Wohntürme, keine modernen Wolkenkratzer. Von denen gibt es zwar auch einige in Mumbai, aber sie fallen vom Hafen aus nicht direkt ins Auge. Vor und beim Landgang werden wir mal wieder behandelt wie Terroristen. Noch auf dem Schiff müssen wir zur Gesichtskontrolle, eine Landgangskarte wird abgestempelt, der Reisepass noch mal kontrolliert … und immer, wenn man das Schiff verlassen hat, stehen direkt die nächsten Militärs bereit. Dann, im Ausflugsbus, kommt am Hafenausgang noch mal ein Militär… das ist alles so streng, seitdem ein Halb-Pakistani 2008 leicht ein Visum erhielt und eine Bombe ins Taj Mahal Hotel brachte. Allein für das Visum hatten wir schon über 80 Euro pro Person bezahlt, andere Mitreisende, die das Visum erst später beantragt haben, sogar 160 Euro. Nur dass wir vom Schiff jetzt an jedem indischen Hafen so behandelt werden, wir sind uns nicht sicher, ob das wirklich mehr Sicherheit bringt und nicht einfach nur die Touristen abschreckt.

Indische Kultur pur

Indische Kultur pur

In fast allen Kreuzfahrthäfen ist es so, dass man beim Hafenausgang direkt von zahllosen Taxifahrern überrannt wird, die einen unbedingt transportieren möchten. Und weil sie exklusiv Hafen-Einfahrtsrechte haben und dafür bezahlen, nehmen sie auch deutlich mehr. Ein paar Meter weiter vom Liegeplatz kostet das Taxi dann die Hälfte. Und außerhalb des erster Tores noch mal die Hälfte. Konkret sieht das bei uns so aus: Wir wollen in die Stadt, zwei Stopps, dann wieder zurück. Taxi am Liegeplatz: 40 Dollar, wir gehen weiter. Abenteuerlich laufen wir über ein Schleusentor, der einzige Fußweg aus dem Containerhafen. Dort wartet dann die zweite Taxi-Ebene. Mit 35 Dollar fangen sie hier an. 15 Dollar, sagen wir, und gehen weiter. Nach zwei Minuten kommt der Taxifahrer uns hinterher gefahren. „25 Dollar“, meint er. Nein. Er dreht ab. Wir laufen weiter Richtung Ausgang. „OK, 20 Dollar last price“, aber wir lehnen ab. Am Hafentor, ja, wir müssen noch mal alle Ausweise, Papiere und was es sonst so gibt, vorzeigen, dann die nächste Taxi-Ebene. In die Stadt, zwei Stopps, dann zurück? „OK, tell me your price“, hier diktieren wir jetzt den Preis. Gut, sagen wir 8 Dollar. Kein Problem, wir sollen direkt hinein huschen.

Unser Taxifahrer erzählt uns, dass sein Boss davon später 7 Dollar bekommt und er 1 Dollar. Da beschließen wir schon, dass wir ihm später Trinkgeld nur für sich geben. Und nun: Willkommen auf dem Mumbai International Raceway.

Thomas’ Logbuch: Dass Städte wie Mumbai quirlig sind, das hätten wir gedacht. Aber so heftig – das übertrifft jede Vorstellungskraft. Alles ist zu mit Verkehr – aber wir kommen trotzdem gut durch. Denn unser Taxifahrer legt den Renngang ein. Ich sitze vorne auf dem Beifahrersitz (natürlich links, weil Linksverkehr und Steuer im Auto rechts) und bekomme einen Adrenalinschub nach dem anderen. Unser Fahrer drückt aufs Gas, fährt über Rot, steuert geradewegs auf die nächsten Fußgänger zu, die ohne Schreien und zucken gekonnt zurück oder nach vorne springen. Das ist der Formel 1 Stadt Grand Prix von Mumbai – mit dem kleinen Knattertaxi mit gelbem Dach.

Nach einer Weile kommen wir an der Lemmingdon Road an, das ist die Adresse für Elektronik-Käufe. Denn einer unserer externen Festplatten, die wir für unsere Weltreise-Filme mitgenommen haben, ist dabei den Geist aufzugeben. Wir brauchen also eine neue Festplatte. Unser Taxifahrer führt uns zu einem kleinen Elektronikladen. Die haben ungefähr die Größe eines Kiosks, und darum sind die Warenlager außerhalb. Das erscheint uns natürlich komisch. Denn direkt nebenan gibt es auch einen Markt mit gefälschten Waren. Woher sollen wir also wissen, was wir verkauft bekommen? 105 Dollar will der Elektronikhändler für eine 1TB-Festplatte haben… das hätten wir günstiger erwartet. Und wir ahnen natürlich, dass unser lieber Herr Taxifahrer Provision bekommt, wenn er Touristen gerade zu diesem Elektronikladen lenkt. Also gehen wir hinaus und versuchen es beim nächsten Laden. 78 Dollar. Alles klar, Geschäft ist geritzt. Noch ein wenig Diskussion wegen Garantie und ob die Festplatte nicht schon zwei Jahre alt ist, schließlich haben wir sie in den Händen.

Unser nächster Einkaufswunsch: Gewürze. Dazu wollen wir zum Crawford Market, mit indischem Namen Mahatma Jyotiba Phule Market. Die 1869 erbaute Markthalle im britischen Stil mit ihrem normannisch-gotischer Turm ist mittlerweile extrem heruntergekommen. Wir wundern uns, warum die Gemäuer nicht jeden Moment einstürzen. Aber erst einmal müssen wir über die Straße. Nur wie? Keine Ampel, der aufgemalte Zebrastreifen hat hier für die Verkehrsteilnehmer keine Bedeutung, die kleinen Autos und Mopeds rasen nur so an uns vorbei, auf vier Spuren alle in eine Richtung. Wie es funktioniert? Unser Taxifahrer macht es vor: Er läuft einfach darauf los und signalisiert mit der Hand wie ein Verkehrspolizist: Stopp! Und wir sehen zu, dass wir ihm ganz schnell auf gleicher Höhe folgen. Geschafft. Crawford Market, wir sind da. Hier herrscht natürlich ebenfalls reges Treiben, hauptsächlich wird Obst angeboten. Und zwei Stände innerhalb der Halle haben sich auf Gewürze spezialisiert, wir gehen zum „Gewürz-König“. Stolz zeigt er uns ein Gästebuch, in dem sich 20 deutsche Kunden verewigt haben, die irgendetwas mit der Lufthansa zu tun haben. Dann zeigt er uns noch ein abgegriffenes Bestellformular, auf der ein Restaurant gleich 60 Kilogramm seiner Gewürzmischungen bestellt hat. Interessiert uns alles eigentlich weniger, aber seine Gewürze riechen fantastisch. Süßes Curry, scharfes Curry, Standard-Curry, Masala (auch eine fertige Gewürzmischung), getrocknete Curry-Blätter…

Thomas’ Logbuch: Ich habe mich immer gefragt: Warum schmeckt Sushi beim Japaner immer so ganz bestimmt und ich bekomme es zu Hause nicht hin und warum schmecken die Gemüsebällchen in Currysauce beim Inder so ganz bestimmt und auch das bekommen wir zu Hause nicht hin? Es liegt jeweils an einer Geheimzutat. Für den Sushireis habe ich sie auf der letzten Kreuzfahrt gefunden, ein Restaurantmitarbeiter hatte es mir verraten: Mirin, eine spezielle Reiswürze. Und jetzt weiß ich auch, wie wir den echten indischen Geschmack bekommen: Garam Masala, das ist mein Favorit. Eine Mischung aus knapp über 60 Gewürzen, die schon so riecht, wie es beim Inder des Vertrauens zu Hause schmeckt.

Katharinas Logbuch: In Indien hat jede Hausfrau ihre eigene, ganz spezielle Curry-Mischung. Die Grundzutaten sind immer gleich. Kurkuma (für die Farbe), Kreuzkümmel, schwarzer Pfeffer und Bockshornklee. Aber man kann diese Mischung beliebig erweitern, beispielsweise mit Zimt, Muskatnuss, Chili und anderen Gewürzen. Auch unser indischer Gewürzhändler lässt uns seine verschiedenen Mixturen riechen. Es eine Freude für die Sinne, die verschiedenen Zutaten in den aromatischen Kompositionen zu erschnüffeln und die subtilen und komplexen Gewürzzusammenstellungen zu erleben. Ich bin besonders gespannt, wie die getrockneten Curry-Blätter tatsächlich im Topf schmecken.

Nun geht es für uns zurück zum Schiff, und sehr praktisch ist: Der Weg bietet uns eine Stadtrundfahrt inklusive. Wir passieren den Marine Drive, Mumbais Promenade entlang der Bucht. Hier reihen sich die Hochhäuser ein, die Luxushotels und auch die Straßenlaternen. Das wird als Queens Necklace bezeichnet, weil abends die Laternen auf der Straße mit ihren Lichtern eine Art Halskette formen. Der Marine Drive wurde 1920 als Promenade aufgeschüttet, vom Nariman-Point bis zum Malabar Hill. Am helllichten Tage können wir den tollen Ausblick auf die Hochhäuser und die Bucht genießen. Ein Stück weiter kommt unser Renntaxi zum Victoria Terminus, dem weltbekannten Bahnhof im britischen Stil, der zum Beispiel auch im mehrfach Oscar gekrönten Film Slumdog Millionär zu sehen ist – der zwar übrigens in Indien gedreht wurde, aber nicht von Indern. Aber gerade für letzteres ist Mumbai bekannt, was wir hautnah miterleben. Kurz vor dem Hafen ist eine Straße gesperrt, unser Taxi muss einen Umweg nehmen. In der Straße nimmt ein Filmteam gerade eine Szene für einen Bollywood-Film auf. Wir sehen die großen Scheinwerfer, die an sind, obwohl es helllichter Tag ist. Mumbai beherbergt einer der größten Filmindustrien der Welt. Der Umsatz der indischen Filmindustrie betrug 2009 gut 2 Milliarden Dollar, der Umsatz der Filmindustrie der USA: 34 Milliarden Dollar. Der indische Filmmarkt gilt bei den Abnehmern (3 Milliarden Kinogänger pro Jahr) allerdings schon als größter der Welt. Über 1000 Filme sollen in Indien jedes Jahr entstehen. Die Industrie produziert in den Sprachen Hindi und Urdu – in Mumbais Bollywood gut 250 Filme pro Jahr, also ein Viertel aller indischen Filme. Die Bollywood-Filme folgen dabei einem klaren Muster: Das Handeln der Protagonisten ist angelehnt an mythologische Erzählungen und daher vorhersehbar. Das so genannte Masala-Format (wie die Gewürzmischung) vereint in einem Film mehrere Genres, etwa Liebe, Gewalt und Komik – im Gegensatz zu den Hollywood-Filmen, die immer nur ein Genre vertreten.

Am Hafeneingang müssen wir aussteigen, unser billiges Taxi hat ja keine Hafen-Lizenz. Also weniger bezahlen, dafür dann bis zum Schiff laufen, nicht direkt vorgefahren werden. Und wir werden direkt am Taxi empfangen: von bettelnden Kindern. Sie reißen sogar die Taxitüren auf und zeigen uns immer wieder die zusammengeballten Finger, die sie Richtung Mund führen – das typische und alltägliche Zeichen hier für „Ich will etwas zu essen“ oder „Ich will Geld für etwas zu essen“. Es gibt auch Banden, die Leute dafür einspannen und hinterher das Geld kassieren, aber sicherlich stimmt es hier wirklich, dass Leute betteln müssen, um zu überleben. Noch nie haben wir solch ein Elend erlebt. Jeder, der dieses Buch lesen kann, sollte froh sein, dass er nicht in Mumbai in diesen Verhältnissen leben muss. Und wir können nach diesem Tag nur schlussfolgern: Mumbai ist wie Masala – eine bunte Mischung mit unendlich vielen Zutaten, mit Liebe, Gewalt und Komik, mit Reichtum und Dekadenz, mit Armut und Elend.

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