Keelung (Chi Lung) und Taipeh, Taiwan, 72. Tag

5. September 2011
Der Taipeh 101 Tower in Taipeh, Taiwan
Der Taipeh 101 Tower in Taipeh, Taiwan

Der Taipeh 101 Tower in Taipeh, Taiwan

Wir sind wieder in Taiwan, diesmal ganz im Norden. Die Hafenstadt Keelung (Chi Lung) empfängt uns grau in grau. Die Farbe des Himmels an diesem Tag sowie die der verdreckten Betonklötze, die die Promenade säumen. Abgase schwängern die Luft, abgewrackte Kähne dümpeln im Hafenbecken. Im Vergleich zu dieser Stadtansicht wirkt Gelsenkirchen wie die Perle Europas. Keelung mag keine Schönheit sein, aber für uns ist es das Tor nach Taipeh, der Hauptstadt Taiwans.

Hafenansicht in Keelung

Hafenansicht in Keelung


Der Bus bringt uns durch schier endlose Vororte, vorbei an riesigen Wohnblöcken und Gewerbegebieten ins Zentrum Taipehs. Schon von weiten kann man die Silhouette des Taipeh 101 im Dunst erkennen. 101 steht für 101 Stockwerke (plus fünf Stockwerke unterirdisch). Der Tower ist eine der Top-Touristenattraktionen des Landes. Man begann mit dem Bau 1997 und als der Wolkenkratzer im Jahr 2004 fertig gestellt wurde, war es das höchste Gebäude der Welt. 508 Meter reckt es sich gen Himmel, wobei es jetzt „nur“ noch den Titel des zweithöchsten Bürogebäudes der Welt innehat (Platz 1 = Burj al Dubai). Die Architekten in Taiwan haben westliche Baukunst mit den Elementen der chinesischen Kultur kombiniert. Ihr sei es gewesen, mit diesem Bauwerk den kontinuierlichen Lebenszyklus traditioneller chinesischer Architektur zu symbolisieren. Zum Beispiel haben sie die bedeutende Zahl Acht honoriert, in dem sie acht, jeweils acht Stockwerke hohe zackige Elemente über eine gekappte Pyramide gestellt haben. Dies schaffe die Schönheit der Gleichförmigkeit. Die Taiwanesen sagen, der Taipeh 101 sehe aus wie ein widerstandsfähiges Bambusrohr das stetig wächst und gleiche auch eine blühende Blume, die Reichtum und Ehre bringe. A propos Reichtum: Die Kosten beliefen sich auf 1,6 Milliarden Euro. Und wie uns ein Einheimischer erzählt, hat sich der Erbauer verschuldet und ist nach China geflüchtet.

Aussicht vom Taipeh 101

Aussicht vom Taipeh 101

Für etwas mehr als umgerechnet 10 Euro dürfen wir rauf auf den Taipeh 101. Leider nur auf 389 Meter. Nach etwa 40 Minuten geduldigem Warten in einer fein säuberlich geleiteten Schlange steigen wir in den Lift. Auch er darf sich mit einem Titel schmücken: Der schnellste Aufzug der Welt. Er braust mit 1010 Metern pro Minute (16,8 Meter pro Sekunde) in den 89 Stock. Von dort aus blicken wir aus dem Fenster und sehen… Grau. In verschiedenen Schattierungen zeichnen sich zu unseren Füßen eine Miniaturlandschaft ab – Spielzeugautos brausen über winzige Straße, gesäumt von niedlichen Häuschen. So sieht wohl jede Stadt der Welt aus dieser Höhe aus. Auch von der offenen Besucherplattform im 91. ist fast nur Grau zu sehen. Auf einem Hinweisschild steht, dass man Fensterputzen zuwinken soll, falls sie einem die Sicht versperren. Fensterputzer? Soweit oben? Schwer vorstellbar. Die Außenglasfassaden bestehen übrigens aus 16.000 einzelnen Elementen und umfassen 120 Quadratmeter und sind – made in Germany.

Die Taiwanesen sind stolz auf ihren Tower. Denn er muss den Naturgewalten der Region standhalten. So ist Taiwan eine der am meisten erschütterten Erdbebenregion der Welt. Hier prallen die eurasische und die philippinische Platte aufeinander. Daher verzeichnen die Seismographen mehr als 40.000 kleinere Erdbewegungen jährlich, wo bei im Schnitt alle fünf Jahre eine stärkeres Beben die Erdmasse zum Ruckeln bringt. Die Architekten haben daher acht große Säulen in äußeren Bau integriert. Diese haben sie mit besonders dichtem Zement gefüllt, der wiederum von Stahlplatten ummantelt wird. Zudem pfeifen regelmäßig starke Taifune über das Land. Daher war auch die Windresistenz eine wichtige Herausforderung bei der Konstruktion. Die Bauherren haben aus diesem Grund einen riesigen Winddämpfer zwischen dem 92 und dem 87 Stockwerk angebracht, der das Schwingen des Turms ausgleichen soll. Er ist über fünf Meter hoch und wiegt 660 Tonnen. Es der einzige Dämpfer dieser Art der für Besucher zugänglich ist. Wir bestaunen also den riesigen Gelben Zackenball, der in der Mitte des Gebäudes hängt. Zwei weitere Dämpfer gibt es zu dem in den Antennenkonstruktionen auf dem Dach. Insgesamt sollen diese Maßnahmen die Schwingungen innerhalb des Turms halbieren.

Zurück geht es für uns wieder mit 36 km/h abwärts im schnellsten Aufzug der Welt. Durch das riesige Einkaufszentrum im unteren Stockwerk bahnen wir uns den Weg durch die Menschenmenge nach draußen. Unten angekommen verschwindet die Spitze des 101 schon in den Wolken. Dämmerung legt sich wie eine Bettdecke über die Stadt, als wir zurück zu unserem Schiff fahren.

Geschichte von Taiwan. Seit dem 11. Jahrhundert siedelten Chinesen auf der Insel Taiwan und verdrängten die Urbevölkerung. 1590 nannten portugiesische Seefahrer die Insel „Ilha Formosa“, die schöne Insel. Daher wird die Insel auch heute noch gelegentlich Formosa genannt. 1624 wurde Taiwan niederländische Kolonie, bis die Holländer 1661 von den Chinesen vertrieben wurden. Im 17. Jahrhundert kamen auch immer mehr chinesische Flüchtlinge zum Festland – zunächst Kriminelle, die die riskante Überfahrt wagten und später mit besseren Transportmitteln auch andere. 1886 wurde Taiwan chinesische Provinz mit damals 2,5 Millionen Einwohnern. 1895 fiel Taiwan im chinesisch-japanischen Krieg an Japan, nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 zurück an China. 1947 werden 20.000 Ärzte, Wissenschaftler und andere Würdenträger getötet. 1949, bei der Machtübernahme der Kommunisten unter Mao in China, flüchteten zwei Millionen Menschen der Kuomintang-Bewegung nach Taiwan und gründeten dort die Republik China. 1971 scheidet Taiwan aus der UNO aus. Am 10.12.1979 gab es Massenproteste für mehr Freiheit, woraufhin 10.000 Demonstranten inhaftiert wurden. Bis zum Jahr 1987 hält offiziell der Kriegszustand an, erst danach setzte eine Demokratisierung ein. 1996 wurde der Präsident in Taiwan das erste Mal direkt vom Volk gewählt. Bis heute weigern sich die Taiwanesen, nach China eingegliedert zu werden, die jüngste Geschichte ist geprägt von politischen Spannungen. China sieht Taiwan als chinesische Provinz, Taiwan befindet sich für eigenständig, Deutschland erkennt Taiwan nicht offiziell an und unterhält daher auch keine diplomatischen Beziehungen. Taiwan möchte wieder in die UNO aufgenommen werden; ein Drittel aller derzeitigen Mitgliedsstaaten hat weniger Einwohner als Taiwan und das Land wird trotzdem nicht aufgenommen – das verärgert die Bevölkerung. Der Vorgänger-Präsident Taiwans wurde vom jetzigen Präsident inhaftiert und wegen krimineller Machenschaften verurteilt.

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